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Erstes Celler Hafenfest: vom Frachthafen zum Kulturhafen

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Vom Frachthafen zum Kulturhafen: „lichter hafen“ von Philipp Geist als künstlerischer Beitrag zum Celler Hafenfest

Vorsommerliches Wetter sowie zahlreiche Programmpunkte am und im Wasser erwarteten die Besucher des Celler Hafenfestes am 21. Mai 2016. Tausende Neugierige fanden am vergangenen Samstag den Weg zum neu gestalteten Hafenareal, das durch den Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende um 14 Uhr feierlich eröffnet wurde. Zugleich gab es an diesem Tag das erste Mal die Gelegenheit, das Kulturschiff ms loretta auch außerhalb von musikalischen und kulturellen Veranstaltungen vom Bug bis zum Heck zu erkunden. Man hatte das Gefühl, an diesem Tag einen Hauch von Großstadt in Celle zu erhaschen. Die Atmosphäre war sommerlich und ausgelassen.

Das leuchtende Finale des gelungenen Tages bildete die Licht-Sound-Installation des Berliner Künstlers Philipp Geist. Entsprechend der Geschichte des Celler Hafens, welcher sich von einem florierenden Handelshafen mit einer nachfolgenden langen Phase des Schattendaseins nun hin zu einem Pol der Kultur entwickelt hat, ließ der Licht- und Medienkünstler die ms loretta mit dem Hafenareal verschmelzen. Das seit Mai 2015 vor Anker liegende Kulturschiff konnte bereits mit zahlreichen Konzerten und Veranstaltungen überzeugen. Hafen und ms loretta sollten an diesem Tag als festes Ensemble sichtbar werden – als ein Ort vielfältiger Möglichkeiten, der sich unter dem Motto „stilvoller Underground und glamouröse Subversion“ der Kultur, aber auch der Querdenkerei verschrieben hat. Gemäß dem begrenzten Budget einer kleinen und privat betriebenen Kultureinrichtung ließ sich Geist, der gerade erst aus Dakar/Senegal von der Kunstbiennale zurückgekehrt war, auf das Wagnis „lichter hafen“ ein.

Um 22 Uhr gingen die umliegenden Laternen aus, ein Großteil des Hafens lag plötzlich im Dunkeln. Das war der Zeitpunkt, an dem Philipp Geist seine Lichtkunst-Installation mit dem Titel „lichter hafen“ über das Wasser des Hafenbeckens wandern ließ. Das Kulturschiff, die gegenüberliegende Betontreppe und ein Teil der nördlichen Hafenwand wurden zur Projektionsfläche für Formen, Farben und Wörter mit konkretem Celle-Bezug. Auch auf den kleinen Yachten, Booten und der weiter entfernt liegenden Allernixe blitzten Schrift- und Lichtzeichen auf. Leider fanden die im Laufe Tages erwarteten zwanzig zusätzlichen Boote, welche dem Werk weitere Projektionsflächen verschafft hätten, nicht wie erhofft ihren Weg nach Celle. Genau dies sind die spontanen Herausforderungen, denen sich Lichtkunst im Außenraum stellen muss. So drehte im Gegensatz zum gelungenen Testlauf am Vorabend auch der Wind, welcher die weichen Displays der Nebelmaschine nur begrenzt in das Hafenbecken vordringen ließ.

Der Betrachter als Leinwand: Nicht nur das Kulturschiff und das neu gestaltete Hafenareal verschmolzen durch die Projektion „lichter hafen“ miteinander. Hunderte Besucher, die sich vor allem auf der hellen Betontreppe im westlichen Hafenbereich niederließen, wurden Teil und sogar wesentliche Nebendarsteller der interaktiven Lichtkunst-Installation. Ebenso wurden die lokalen Sponsoren des Kunstprojektes, welches das Ziel hatte, die ms loretta im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar zu machen, in die Projektion des Künstlers miteinbezogen. Denn sie starteten ihre Reise durch die Lichtkunst auf dem Sonnendeck des Kulturschiffs. Nicht nur die flüchtige Oberfläche von Geists Lichtkunstwerken, sondern auch der sich verändernde Standort des Betrachters, der bei diesem Künstler stets als aktiver Teilnehmer herausgefordert wird, offenbarte je nach Blickwinkel und Standort unterschiedlichste Struktur- und Farbintensitäten. Die dynamische Struktur sämtlicher Installationen des Lichtkünstlers ist zugleich ein Appell an den Betrachter, Kunst nicht nur im Sinne eines Frontalzusammenstoßes aufzufassen, sondern zwischen Bewegungs- und Ruhephasen zu wechseln.

Philipp Geist startete seine künstlerische Laufbahn vor genau zwanzig Jahren mit großformatigen Acrylgemälden, die er in einem lichtdurchfluteten Fichtenwald nahe Weilheim i. OB präsentierte. Seine Leidenschaft galt jedoch stets den Projektionen. Den Künstler in seinem Jubiläumsjahr auch in Celle begrüßen zu dürfen, war etwas ganz Besonderes. Heute bespielt der Licht- und Medienkünstler Orte auf der ganzen Welt. Erst 2014 illuminierte er die Christusstatue und die umliegende Favela Santa Marta in Rio de Janeiro mit Großprojektoren und wurde hierfür für den Lichtdesign-Preis in der Kategorie Lichtkunst nominiert. Ein Schauspiel der besonderen Art, das zwei Wahrzeichen Brasiliens miteinander in visuellen Einklang brachte. Die gesamte Projektion erstreckte sich über drei Tage. Auch während der einstündigen Installationsdauer von „lichter hafen“ hatten die einzelnen Besucher Zeit, um sich auf das stetige Werden und Auflösen von Geists Lichtkunstwerk einzulassen. Wer sich diese Zeit nahm und auf die sich stetig im Fluss befindliche Projektion einließ, erhaschte markante Begriffe wie „Buntes Haus“, „Französischer Garten“, „Fachwerk“, „Aller“ oder „Kunstmuseum“. Geist setzt sich mit jedem Ort, den er durch seine Kunst temporär verwandelt, intensiv auseinander. Sein Licht fungiert als eine Art Schatten der Vergangenheit, welcher stichwortartig und fragmentarisch auf die Geschichte des gewählten Schauplatzes eingeht. So zeichnete der Künstler den Werdegang von „Kellu“ im Jahre „985“ über die „Flößerei“ und das Monopol der „Kornschifffahrt“ von „1464“ bis hin zum „Großbrand“ auf dem Hafengelände im Juli „2014“ künstlerisch nach. Seine Lichtkunst fungiert als durchlässige Folie, welche die bereits vergessenen und mittlerweile unsichtbaren Geschichten, die ein jeder Ort zu erzählen hat, wieder hervorholt und reflektiert abbildet. Ergänzt wurden die Schriftzeichen und Wörter durch intensive Farb- und Formenvariationen, die sich an die gestalterischen Grundsätze des Bauhauses anlehnen. Geists Projektionen haben keinen Anfang und kein Ende und folgen meist keiner narrativen Abfolge. Dieser Charakter des Offenen und Unfertigen spiegelte und spiegelt sich in der Licht-Sound-Installation „lichter hafen“ sowie dem sich immer noch im Werden befindlichen Celler Hafen gleichermaßen wider.

Vielleicht blieb das Finale bei dem ein oder anderen hinter den Erwartungen zurück – dem künstlerischen Wert und der kulturellen Intention an sich sollte dies jedoch keinen Abbruch tun. Ein Kunstwerk ist eben kein Feuerwerk.

Fotos: Hubertus Blume und Jasmin-Bianca Hartmann

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Celle

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