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Auftaktpremiere zur Theatersaison 2016/2017: Schillers Don Carlos im Schlosstheater Celle

Autor:
Meggie Hönig

Wo sind die schönen Tage in Aranjuez geblieben?

Es geht um Missgunst, Intrigen und Verrat, um Macht und Angst, um Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Toleranz, um gesellschaftliche Konventionen und um die Verwirklichung persönlicher Ziele, um Politik und Glaube, um Einsamkeit und – ja, um die Liebe.

König Philipp II von Spanien, der „das größte Reich der Welt” zu regieren hat, steckt in einer tiefen politischen und persönlichen Krise. Don Carlos ist sein ungeliebter Sohn, meidet seinen Vater, denn König Philipp hat ihm seine einstige Geliebte und Verlobte Elisabeth von Valois ausgespannt, sie geheiratet, zur Königin und zu Don Carlos’ Stiefmutter gemacht. Der früher politisch so sehr interessierte Prinz hat nun nichts als seine nun unerreichbare Liebe zu Elisabeth im Kopf – und er leidet. Da begegnet ihm sein Jugendfreund, der Marquis von Posa, der gerade von einer politischen Mission aus den Niederlanden zurückgekehrt ist. Don Carlos gesteht ihm seine Liebe, woraufhin der Marquis ein Treffen zwischen Don Carlos und Elisabeth arrangiert. Elisabeth aber erklärt ihm, dass sie ihr Leben nun dem König und dem Land gewidmet habe und rät Don Carlos, seine ganze Kraft ebenfalls lieber in den Dienst der spanischen Krone zu stellen. Pflicht sticht Herz, Vernunft sticht Liebe.

König Philipp gibt seinem Sohn, den er für völlig inkompetent hält, keine Chance und verwehrt ihm den Posten eines Statthalters in Flandern. Stattdessen verspricht er diese Position dem Herzog Alba. Don Carlos bekommt einen Liebesbrief mit einer Einladung zu einem heimlichen Treffen, glaubt, der Brief käme von Elisabeth und ist dann sehr enttäuscht, als er der Prinzessin von Eboli, einer Hofdame der Königin, gegenübersteht. Eboli gesteht Don Carlos ihre Liebe. Sie ist unglücklich, weil sie an einen anderen Grafen verheiratet werden soll, um zu vertuschen, dass sie die Maitresse des Königs ist. Don Carlos hat zwar Mitleid mit ihr, lässt sie aber wegen seiner Liebe zu Elisabeth abblitzen. Die verschmähte Eboli will sich an Don Carlos rächen und tut das auch erfolgreich mit Unterstützung der beiden Gegenspieler Don Carlos’, Herzog Alba und Pater Domingo. Sie lässt Liebesbriefe aus früheren Zeiten, die Don Carlos an Elisabeth geschrieben hat, dem König zukommen und sogar verbreiten, der König sei nicht der leibliche Vater der kleinen Infantin. Der König fühlt sich betrogen, Elisabeth sich auch. Denn sie glaubt, der König selbst habe ihr die Briefe entwendet. Don Carlos freut sich, noch einen Trumpf in der Hand zu haben: nämlich einen Brief des Königs an Eboli. So nimmt das Ränke- und Intrigenspiel seinen Lauf. Komplott auf allen Ebenen. Die Briefe wandern hin und her. Keiner traut dem anderen, jeder fühlt sich böse hintergangen – und ziemlich allein. Und die Politik mischt kräftig mit: Herzog Alba und Pater Domingo gegen Don Carlos und gegen den Marquis von Posa. Der König nun für von Posa und sowieso gegen Don Carlos, der ins Gefängnis kommt, schließlich auch – als vermeintlich „Gehörnter” – gegen Elisabeth. Als der Verrat und die Unschuld Don Carlos’ entdeckt wird, verlangt dieser von König Philipp selbst die Freilassung. Von Posa will sich für seinen Freund opfern und wird dabei erschossen.

Als erste Premiere nach der Sommerpause wagt sich Andreas Döring an diesen Klassiker und inszeniert dieses „Dramatische Gedicht”, das Schiller 1787 unter dem Titel „Don Carlos, Infant von Spanien” veröffentlichte, in sinnvoll gekürzter Fassung und reduziert auf sieben Charaktere von eigentlich mindestens 20 Rollen. Das tut dem immer noch langen, komplexen Drei-Stunden-Stück gut, obwohl ein unvorbereitetes Publikum wohl weiterhin mit Verständnisproblemen zu kämpfen haben wird. Aber selbst wer nicht alle Handlungsstränge nachvollziehen kann, ist gefangen von der unglaublich wortschatzreichen Sprache Schillers, die diesmal nicht in die heutige Alltagssprache übertragen wird. Sie klingt so ungewohnt wie faszinierend – komprimiert, distanziert und doch hochemotional. Und sie hallt nach, wenn Stille Zeit zum Atmen lässt. Die Darsteller beherrschen diese Sprache, auf die hier so viel Wert gelegt wird, sie können sie. Sie lassen sich von ihr treiben, artikulieren sauber und ausdrucksstark. Selbst leiseste Töne sind bis in die letzten Reihen gut zu verstehen.

Johann Schibli gibt einen einerseits fast brutalen, machtbesessenen, andererseits unendlich einsamen, enttäuschten König Philipp („Der König hat geweint.”) und arbeitet diese innere Zerrissenheit besonders stark gegen Ende des Stücks in der reflektierenden Zwiesprache mit sich selbst heraus, die den bekannten Dialog zwischen König und dem Großinquisitor ersetzt. Fast empfindet man ein bisschen zuviel Sympathie für diesen Despoten. Irene Benedict, ein neues Gesicht im Ensemble des Schlosstheaters, spielt souverän die Rolle der Königin, sehr königlich, sehr distanziert, mit expressiver Mimik. Maurizio Micksch ist ein junger, versponnener, noch ungestümer Don Carlos, der seine Seele ungeschützt vor aller Augen ausbreitet. Ungeschützt im wahrsten Sinne des Wortes, wenn er sich gleich bei der ersten Begegnung mit der Königin die Kleider vom Leibe reißt. Er zeigt alle Facetten emotionaler Ausdrucksmöglichkeiten, von himmelhochjauchzend bis zutodebetrübt. Johanna von Gutzeit als Eboli ist so wunderbar süß und erotisch wie hintertrieben wie verletzt wie verzweifelt. Christoph Schulenberger, gibt seinen Einstand im Ensemble als Marquis von Posa, als stolzer, für seine Ideale kämpfender Spanier. Seine Schlüsselrolle im Intrigenspiel erarbeitet er souverän. Was Dirk Böther – als knallharter Herzog von Alba – und Jürgen Kaczmarek – als Pater Domingo – können, wissen wir. Sie beweisen es: mit differenziertem Ausdruck und authentischer Gestik ohne Übertreibung.

Und all das, das ganze wunderbare Theater, wäre allenfalls halb so atemberaubend ohne diese sensationelle Bühne und die auf wenige Farben reduzierten Kostüme (beides Martin Käser), die oft schlicht, fast alltäglich in den Hintergrund treten und dann doch als prachtvolle Reifröcke oder dezente spanische Halskrause (über simplem Pullover) die damalige Zeit und die höfische Pracht heraufbeschwören. Die Bühne aus senkrechten und waagerechten Metallplatten, die sich laut- und schwerelos oder ächzend und quietschend mit- und gegeneinander bewegen, Räume und Landschaften bilden, Enge schließen und Weite freigegeben, in unendlichen vielen verschiedenen Farben brennen, leuchten, verdunkeln – das ist Kunst auf hohem Niveau, die tiefen Respekt verdient und beinahe sprachloses Staunen zurücklässt.

Ein Theaterabend mit Tiefgang, der hohe Konzentration erfordert – und gerade deshalb Glücksgefühle hinterlässt.

Alle Fotos: Alex Sorokin

Bild 1 (v.l.n.r.): Christoph Schulenberger als „Marquis von Posa“ und Maurizio Micksch als „Don Carlos“.
Bild 2 (v.l.n.r.): Irene Benedict als „Elisabeth von Valois“ und Maurizio Micksch als „Don Carlos“.
Bild 3 (v.l.n.r.): Dirk Böther als „Herzog von Alba“, Johann Schibli als „Philipp der Zweite“ und Maurizio Micksch als „Don Carlos“.
Bild 4 (v.l.n.r.): Johanna von Gutzeit als „Prinzessin von Eboli“ und Irene Benedict als „Elisabeth von Valois“.
Bild 5 (v.l.n.r.): Maurizio Micksch als „Don Carlos“ und Johanna von Gutzeit als „Prinzessin von Eboli“.
Bild 6 (v.l.n.r.): Johann Schibli als „Philipp der Zweite“ und Dirk Böther als „Herzog von Alba“.
Bild 7 (v.l.n.r.): Johann Schibli als „Philipp der Zweite“ und Christoph Schulenberger als „Marquis von Posa“.
Bild 8 (v.l.n.r.): Johann Schibli als „Philipp der Zweite“, Jürgen Kaczmarek als „Domingo“, Dirk Böther als „Herzog von Alba“, Maurizio Micksch als „Don Carlos“ und Christoph Schulenberger als „Marquis von Posa“.

Alle Termine und weitere Infos unter http://schlosstheater-celle.de/

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