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Wochenmarkt in Celle

Autor:
Redaktion

WO ALLES ZUM   REINBEIßEN IST

Ein Bericht von Susanne Hassenkamp, Fotos: Jochen Quast, Hubertus Blume, hist. Aufnahme: Stadtarchiv Celle

Wenn der Tag hier beginnt, muss er gut enden, heißt es über den Celler Wochenmarkt. Händler und Kunden nennen sich noch beim Namen und das Angebot der Waren ist ein einziges Frischeparadies. Der Slogan „lieber regional als global“ ist hier längst wahr geworden.

Es ist noch dunkel, wenn die Marktbeschicker auf der Stechbahn ihre Stände aufbauen. Kaum liegt  die Ware aus, sind Celles Schichtarbeiter die allerersten Kunden: Polizisten, Krankenschwestern, Angestellte der Stadtversorgung.  Bei Tagesanbruch ist das Licht diesig, die Herbstluft frisch. Ab neun Uhr füllt sich der Markt und wenn um zehn Uhr die Trompetenklänge vom Kirchturm der Stadtkirche ertönen, herrscht bereits Hochbetrieb. Blitzblau ist der Himmel jetzt und die Sonne lässt das Obst und Gemüse erstrahlen. Äpfel, Birnen, Pflaumen, Salate, Kohl, Tomaten, weiße und rote Zwiebeln, Kürbis und Karotten leuchten in ihrem Licht. Zum Reinbeißen schön ist die Ware, liebevoll angeordnet und taufrisch. Das Angebot aus dem heimischen Umland ist reich im September und übertrifft das von Zitrusfrüchten, Bananen, Ananas, Kiwis, Avocados und Co.

Auf Bitten und Drängen der Celler Bürger erteilte Herzog Wilhelm im Jahr 1353 die Genehmigung für den Wochenmarkt an Sonntagen. Erst 250 Jahre später fand er, wie heute, mittwochs und samstags statt. Ab fünf Uhr morgens standen damals die Karren der Marktbetreiber mit ihrem Schlacht- und Federvieh, Holz, Getreide, Eiern, Brot und Schuppentieren in großen Wasserbottichen auf dem Platz. Aufs Schärfste achtete der Marktvogt darauf, dass nur gesunde, reine und untadelige Ware feilgeboten wurde. Dass niemand die gesetzten Höchstpreise überschritt und der Marktfriede eingehalten wurde.

„Seither hat sich natürlich einiges verändert“, sagt Rüdiger Korte, Vorsitzender des Marktvereins. „Das Lebendvieh gibt es schon lange nicht mehr, Marktschreier auch nicht, friedlich aber geht es hier eigentlich immer zu.“ Korte ist mit seinem Stand seit 22 Jahren auf dem Wochenmarkt. Sein Erkennungszeichen ist ein graubrauner Filzhut, den etliche bunte Buttons zieren. Unter anderem der  blauweiße von Schalke, „den man bitte nicht mit dem vom HSV verwechseln sollte“ und das gelbe Kreuz, Zeichen des atomaren Widerstands im Wendland, wo er auch mal dabei gewesen ist und die anderen, widerstandslosen Male „weil das eine schöne Gegend ist“.

Korte, 53, stammt aus Steimke. Auf 22 Hektar tummeln sich da ganzjährig ein paar ungarische Wollschweine, die er verwursten lässt. Ansonsten wachsen dort rund 50 Gemüsearten, darunter über 40 Sorten Tomaten, 40 Paprika- und Chilisorten, über 20 verschiedene Salate und Kräuterarten. Wer bei Korte eine krumm gewachsene Gurke kauft, deren Schale nicht so glänzt wie in den Supermärkten, weiß, was er hat, nämlich „Lebensmittel mit Charakter“ –  so steht es auf dem Schild, das an seinem Stand baumelt. Das heißt: Hier ist alles Bio- beziehungsweise Demeterware, die Korte bevorzugt anbaut, da sie das Höchstmaß an Richtlinien in punkto organischem Anbau erfüllt.  Zum Wohl der Kunden und der Natur.

Wie ein bunter Basar liegt der Celler Wochenmarkt im Herzen der Altstadt, eine Oase mit Charme zu Füßen der Stadtkirche. Wer hier einkauft, kann das in Muße tun, ohne Hektik. Jeder hat „seinen“ Kartoffelbauern, „seine“ Blumenhändlerin, „seinen“ Fischstand. Man kennt sich oder man trifft sich hier. Kunden und Verkäufer klönen miteinander.  Es gibt Menschen, die einfach nur über den Markt schlendern, um sich an den farbenfrohen Waren zu erfreuen oder sich am Anblick und dem Duft der Blumen zu berauschen. Und es gibt Männer, die den Markt genießen, weil sie in aller Ruhe im „Museumscafé“ ihre „Cellesche Zeitung“ lesen können, während ihre Frauen einkaufen.

Andere Männer streifen selbst auf der Suche nach bester Qualität über den Markt. Hobbyköche.   Für den Celler mit einem alten Rauhaardackel an der Leine, der zu Hause oft zum Kochlöffel greift, ist der  Wochenmarkt das Einkaufsparadies schlechthin: „Frischer Fisch, beste Käsesorten, knackige Gemüse, Lamm – all das lässt mein Herz höher schlagen“, sagt der Herr mit Hund. Für ihn ist der Wochenmarkt ohne Alternative: „Hier gibt`s kein Geschiebe wie in Supermärkten, keine Einkaufskarren, die einem in die Hacken fahren und auch keine Kassiererinnen, die genervt sind, wenn man sein Portemonnaie nicht gleich findet.“ So was sei nichts für ihn, sagt der Mann und am wenigsten für seinen Begleiter, zu dem er sich jetzt hinunterbeugt: „Hier muss ich meinen Max nicht vor einer dieser automatischen Schiebetür anbinden. Die mag er nämlich gar nicht.“

Rund 45 Marktbeschicker sind auf dem Celler Wochenmarkt. „Während der Spargelsaison sind es ein paar mehr“, sagt Marktvereinsvorsitzender Korte. „Einmal im Monat wird ein Standplatz für den Käser aus Bayern freigehalten und wenn Pflanzzeit für Staudengewächse ist, bekommen die Händler mehr Fläche.“ Bei gutem Wetter rechnet Korte mit 3000 Marktkunden. „Wenn aber, wie jetzt, die Heide blüht, dann kommen noch etliche Touristen dazu. Dann wird`s hier voll.“

Eine Hannoveranerin hat ihre Heidewanderung mit einem Verwandtenbesuch in Celle verbunden. Am Geflügelstand der Familie Klingemann kauft sie ein Maishähnchen: „weil das das letzte Mal so hervorragend war“, sagt sie zu Claudia Klingemann, die sie bedient. Dann wendet sie sich an eine Kundin, die neben ihr steht. Begeistert erzählt sie der, sie habe bei ihrem letzten Marktbesuch mal an einem Stand aus der Region Äpfel gekauft. „Und, Sie werden`s kaum glauben, einer hatte ein Wurmloch. Ist das nicht toll? Ein Apfel mit Wurmloch, so was kennt man doch gar nicht mehr!“

Sie zahlt ihr Hähnchen, packt es in ihren Einkaufskorb, wünscht allen einen guten Tag und will gerade gehen, da trabt im Laufschritt die “Neufundländer Arbeitsgruppe“ an ihr vorbei. Fünf mächtige Hunde, denen Gehorsam beigebracht wird. Vier laufen brav neben ihrem Trainer her, nur der letzte bleibt abrupt stehen. Er dreht den Kopf zum italienischen Delikatessenstand und schnuppert in die Luft. Er muss den Schinken gerochen haben, den Stefano Urso gerade angeschnitten hat.

Stefano Urso, kein Kostverächter einer gut geräucherten Leberwurst ist, ein Italiener, wie er im Buche steht und niemand würde es wundern, wenn er aus tiefer Brust eine Arie aus der Aida trällerte. Urso stammt aus dem Friaul, genauer, aus der kleinen Stadt Gorizia an der Grenze zu Slowenien.  Seine salumi i prosciutti, die längst  unsere  Antipastiteller erobert haben –  ziehen wie Magneten  Celles Feinschmecker an. Zu Ursos Bestsellern zählen, unter anderem, die hauchdünn geschnittene Fenchelsalami, der Bresaola und der luftgetrockente Prosciutto di San Daniele. Der ist nicht irgendeiner, sondern wurde von einer Steinpilzmasse ummäntelt.  Für so viel Hochgenuss aus Bella Italia steht man bei Signore Urso Schlange und mancher wünschte sich, man könnte bei ihm im Stehen noch mal schnell einen Espresso trinken.

Urso ist seit 10 Jahren auf dem Wochenmarkt, Monika und Klaus Hinz mit ihrem Obst- und Gemüsestand sind es seit 43 Jahren. Der Vater begann, der Sohn übernahm. Seither sind viele ihrer Kunden zu treuen Stammkunden geworden. „Wir kennen sie und ihre Familienangehörigen und sie uns. Deshalb kommt man oft ins Klönen. Man erkundigt sich dann nach den Kindern, wie es dem Mann geht oder ob die Ferien schön waren,“ sagt Monika Hinz. „Manchmal kommt eine freundliche, alte Dame, die bei uns ein Kilo Kartoffeln der Sorte ,Annabelle‘ kauft. Sie bittet uns dann,  ihr nur die kleinen Kartoffeln zu geben, weil sie heute nicht so schwer tragen kann.“ Monika Hinz lächelt. „Ist das nicht rührend? Sie ist so nett. Und höflich ist sie auch. Wenn sie Kirschen kaufen will, bittet sie uns, vorher eine probieren zu dürfen. Ein paar unserer jungen Kunden tun das nicht. Die langen einfach zu.“

Das Ehepaar Hinz wird noch vier Jahre auf dem Wochenmarkt sein. „Dann ist endgültig Schluss. Unsere Kinder haben andere Jobs und  werden den Stand nicht übernehmen“, sagt Monika Hinz. Ihr wird  wehmütig bei dem Gedanken an das Aus: „Auch wenn die Arbeit nicht leicht ist, aber ich ohne das Marktleben, ohne die Kollegen, ohne meine Kunden? Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll.“

Wer gemütlich im Sonnenschein über den Wochenmarkt bummelt, vergisst manchmal, wie hart die Arbeit der Markbetreiber ist und wie lang ihr Tag. Für einige Verkäufer von Fisch oder  Anbietern von Schnittblumen, Obst und Gemüsen, die keinen eigenen Anbau betreiben, beginnt  der Wochenmarkt bereits um zwei Uhr nachts mit der Fahrt zum Einkauf auf den Großmarkt nach Hannover. Die frische Ware auf den Hänger laden. Gegen sechs Uhr zurück auf der Stechbahn sein. Ausladen. Bei Marktschluss wieder aufladen. Nach Hause kommen und wieder abladen. Das braucht Kraft.

Wenn man Baumschulbesitzer Jürgen Pirwitz zusieht, wie er die Stauden, Laub- und Nadelbäume, Beerensträucher und getopften Rosen zu seinem Lastwagen hieft, dann fragt man sich, wie lange das sein Rücken noch aushalten mag. Rückenprobleme aber hat Pirwitz bisher nicht gehabt. Und auch noch nie einen Hexenschuss? „ Ne“, sagt Pirwitz und lacht, „wann sollte ich wohl Zeit für so was haben.“

(C) www.landluft-celle.de, 2016

 

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